Bebendes Haiti

Durch das Erdbeben ist Haiti leider auf sehr traurige Weise in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Man erfährt, dass das gesamte Land durch das Erdbeben zerstört wurde, zumindest was die Infrastruktur anbetrifft, dass Hundertausende gestorben und obdachlos geworden sind. Man kann dabei zusehen wie Verschüttete nach tagelangem Ausharren befreit werden. In Scharen strömen Journalisten ins Land, um vom Elend zu berichten.

Bandagierter Mann, im Krankenhaus von Port-Au-Prince am 20.1.2010

Bandagierter Mann, im Krankenhaus von Port-Au-Prince am 20.1.2010

Das Erdbeben und die Folgen werden als mediales Großereignis inszeniert. Die Bilder der Verwüstung reihen sich ein in die tägliche Bilderflut. Sie vermischen sich in der Wahrnehmung  mit  in den täglichen Bildern und Meldungen von Katastrophen, Kriegen, Krisen und Konflikten und verlieren nach der anfänglichen Schockwirkung an Bedeutung. Das Einzige was am Ende von Haiti übrig bleibt ist die Assoziation „Katastrophe + Verwüstung“. Man kann sicher sein, dass Ende 2010 Haiti wieder im Mittelpunkt stehen wird, nämlich im obligatorischen Jahresrückblick, als Höhepunkt für die Kategorie „Katastrophen“.

Das Traurige daran ist, dass diese fahrlässig vereinfachte Sichtweise auf das Land mit  seiner vielfältigen Kultur und seiner turbulenten Geschichte, vielleicht gar nicht so abwegig ist, denn das Land ist tatsächlich geprägt von Kriegen, Ausbeutung, Kolonialismus und anderen Katastrophen.

Die Insel wurde von seinen Ureinwohnern Ayti genannt, woraus sich der heutige Name Haiti ableitet. Der Entdeckung durch Christoph Kolumbus, der die Insel La Isla Espanola („die spanische Insel“) nannte, folgten der Genozid und die Versklavung der Ureinwohner, jahrhundetelanger Kolonialismus, Ausbeutung, Sklaverei und Kriege.

Bereits im 18. Jahrhundert war Haiti hauptsächlich von aus Afrika stammenden Sklaven bewohnt, die sich letzendlich mit zahlreichen und blutigen Sklavenaufständen gegen ihre Kolonialherren auflehnten. Interessanter Weise erfolgte die Befreiung aus der Sklaverei fast zeitgleich zur französischen Revolution.

Die turbulente und blutige Geschichte Haitis ist sicher die prägendste Konstante. Gleichzeitig bedeutet das  jedoch auch, dass dem kollektiven Gedächtnis der Welt, ohne Haiti, ein wichtiges Beispiel für das Streben von Sklaven oder Unterdrückten allgemein, nach Freiheit, Unabhängigkeit und Menschenwürde, fehlen würde.